Donnerstag, 22 Dezember 2016 13:37

Verbrecher oder Gotteskrieger: Wie bezeichnet man Terroristen?

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Wie bezeichnet man die Täter hinter den Anschlägen wie dem auf Redakteure des Satiremagazins Charlie Hebdo im Januar 2015 in Paris? Wie bezeichnet man die Täter hinter den Anschlägen wie dem auf Redakteure des Satiremagazins Charlie Hebdo im Januar 2015 in Paris? Pixabay

Terroristen sind Mörder – aber sind sie auch Gotteskrieger? Über die Benutzung von Kriegsrhetorik ist ein Streit entbrannt. Gegner behaupten, man würde damit der Logik der Terroristen folgen. Das muss nicht falsch sein, ist aber zugleich nur die halbe Wahrheit. Eine Widerrede.

Jüngst war in der „Süddeutschen Zeitung“ ein interessanter Kommentar zu lesen. Der saarländische CDU-Innenminister Klaus Bouillon hatte infolge des Anschlags in Berlin von einem „Kriegszustand“ gesprochen. Dafür erntete er viel Kritik. Auch in eben diesem Text der „Süddeutschen“. Ja, Terroristen seien üble Verbrecher. Aber nein, sie seien keine Krieger. Bezeichnete man sie so, würde man sie auf eine Ebene heben, die ideologisch aufgeladen ist. Die in Freund und Feind teilt. In der es nur schwarz und weiß gibt, gut oder böse. Man dürfe dieser Logik nicht folgen: Es sei ja gerade das Ziel des Terrorismus, durch skrupellose Gewalt das Denken und Verhalten der von ihm betroffenen Menschen zu verändern – also auch, die Verwendung von Kriegsrhetorik herbeizuführen. Das sei auch sachlich falsch, da Terrorismus nur eine neutrale, weil nicht einer bestimmten Weltanschauung zuzurechnende Handlungsform sei. Dass islamistische Attentäter sich in einem Krieg gegen den Westen wähnten, sei nur ein Hirngespinst, um ihre blutigen Taten zu legitimieren. Dementsprechend solle man sie nicht als Krieger, sondern nur als Verbrecher ansehen. Nicht als ausgemachten Feind, sondern schlicht als Bedrohung. Sonst drohe eine Spirale des Hasses.

 

Man kann diese Sichtweise nachvollziehen. Sie enthält viele gute Ansatzpunkte und ist zudem moralisch einwandfrei. Gleichzeitig neigt sie aber dazu, das Problem des Terrorismus zu verharmlosen.

Terrorismus nicht verharmlosen

 

In Europa, auch in Deutschland, ist der Terrorismus der modernen Zeit islamistisch motiviert. Zwar ist kein zusammenhängender Plan erkennbar. Die unterschiedlichen Anschläge wurden individuell geplant – nicht von einer zentralen Stelle aus. Ob ihre Beanspruchung durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ glaubwürdig ist, kann dahinstehen. Denn das Motiv der Attentäter genügt vollkommen: Ihren gemeinsamen Nenner finden die Gotteskrieger im Bekenntnis zum radikalen Islamismus. Anhänger anderer Religionen, die eine offene Lebensweise praktizieren, werden als „ungläubig“ angesehen und damit zum Abschuss freigegeben. Angestrebt wird eine Alleinherrschaft des radikalen Islam (was auch die vielen friedlichen Muslime beunruhigt). Das alles wird ausgeblendet, wenn man „nur“ von Verbrechern sprechen würde: Hinter dem (islamistischen) Terrorismus steckt eine gemeinsame Denkweise. Sie hat viele Anhänger. Und diese haben keinen Respekt vor dem Leben, weder vor dem eigenen noch vor dem fremden.

 

Wer einen echten Krieg nie miterleben musste, sollte mit seinen Einschätzungen vorsichtig sein. Dennoch folgt an dieser Stelle eine These: Die Feststellung, Deutschland sei nun in einem Kriegszustand, ist zwar martialisch. Sie ist aber nicht gänzlich falsch. Es stimmt schon: Es werden keine Häuser bombardiert, die Regale im Supermarkt sind voll, die Versorgung mit Strom und Wasser funktioniert, Krankenhäuser sind intakt. Krieg ist aber nicht immer sichtbar. Ein anschauliches Beispiel ist die Form des „Cyberwar“, gegen den das Land bald von tausenden Bundeswehr-Soldaten im Internet verteidigt werden soll. Die äußeren Anzeichen können also ein trügerisches Bild vermitteln. Denn ein Land ist schon dann im „Kriegszustand“, wenn es von einer äußerlich homogenen und abgrenzbaren Gruppe angegriffen wird. Krieg ist kein Vertragsangebot, das erst noch angenommen werden muss. Es genügt, wenn er von einer Seite ausgeht.

 

Natürlich muss man aufpassen, dass die Rhetorik nicht überhitzt. Daran besteht kein Zweifel. Ebenso sollte man sich aber immer wieder ermahnen, die Bedrohungslage nicht zu verharmlosen.

 

Dissenting Opinion

Was ist das?

Verfasst von Lukas

Sind Terroristen Gotteskrieger? Eine interessante Frage, die eindeutig mit „Nein“ zu beantworten ist. Nicht ganz so eindeutig ist die Frage zu beantworten, ob sich Deutschland in einem „Kriegszustand“ befindet.

In der Bearbeitung dieser Frage streiche ich den Teil „Gottes“, da es sich meinem weltlichen Urteil entzieht, über den Willen eines eventuell existierenden „Gottes“ zu urteilen.

Wieso Terroristen keine Krieger sind

 

Die Definition des Krieges an sich ist zurecht äußerst umstritten. Nach 9/11 hat sich die Vorstellung von Krieg stark gewandelt. Krieg im herkömmlichen Sinne könnte man definieren als Auseinandersetzung, mit Mitteln erheblicher militärischer Gewalt, zwischen mindestens zwei organisierten Parteien, die auch eine merkliche zeitliche und örtliche Dimension hat. Heute sind Kriege zwischen organisierten Mächten die Ausnahme geworden. An ihre Stelle sind die sog. „asymmetrischen“ Kriege getreten, bei dem Parteien aufeinandertreffen, die waffentechnisch, organisatorisch und strategisch stark unterschiedlich aufgestellt sind.

Hinzugetreten sind seit der Krim-Krise sog. „hybride Kriege“.

Die Teilnehmer eines Krieges nennt man Kombattanten. Egal, ob man den Krieg gegen den Terror nun einen asymmetrischen Krieg nennt, einen bewaffneten Aufstand oder dergleichen: In jedem Fall werden selbst Kombattanten zu Verbrechern, wenn sie vorsätzlich unschuldige Zivilisten angreifen. Denn der Kombattant zeichnet sich dadurch aus, dass er sich dem Kombattanten der Gegenseite als legaler Gegner entgegenstellt. An diese Stellung knüpft jede Kultur der Welt einen gewissen Heroismus.

Zivilisten abzuschlachten, ohne Vorwarnung, ohne die Möglichkeit der Wahrnehmung des Angriffes oder gar der Möglichkeit der Gegenwehr, ist kein Akt des Krieges oder gar des Heroismus. Es ist ein Akt des Wahnsinns und der Abscheulichkeit. Selbst im Krieg, der kaum Grenzen der Gewalt kennt, ist der Angriff auf Unbeteiligte seit jeher ein allseits anerkanntes Verbrechen, das den Status des legalen Kombattanten überlagert. Selbst wenn man Kämpfer des IS als Kombattanten bezeichne WÜRDE, würde die Handlung den Sonderstatus durchbrechen und sie doch als Verbrecher entblößen.

Terroristen können daher nie Krieger sein. Sie sind Verbrecher abscheulichster Art.

Befindet sich Deutschland im Krieg?

 

Diese Frage ist schwerer zu beantworten, da zu differenzieren ist. Deutschland beteiligt sich am militärischen Einsatz westlicher Staaten gegen den „Islamischen Staat“. Was in Syrien geschieht, das kann man durchaus als Krieg bezeichnen, Daesh (den IS) durchaus als Kriegspartei (in Syrien selbst). Insofern ließe sich argumentieren, dass sich die Bundesrepublik im Krieg befindet - oder besser gesagt: dass sie sich an einem solchen beteiligt.

Anderes sollte für die Situation hierzulande gelten. Die Rhetorik, dass sich das Land nunmehr (!) im Kriegszustand befände, ist die typische Reaktion des Souveräns auf einen Angriff auf eben jene Souveränität. Der Terrorist versucht, den Staat vor seinen Bürgern bloß zu stellen und ihn so von innen zu Fall zu bringen. Wenn Götter bluten, glauben die Menschen nicht mehr an sie. Daher übet sich der Staat nach jedem Anschlag in Gesten der Stärke: Polizei auf der Straße, Kampflugzeuge über anderen Ländern, funktionslose Gesetze gegen Terrorismus. Wenn der Staat nach einem Anschlag Kriegsrhetorik übt, gilt maximale Obacht und Ruhe. Für den Verteidigungsfall haben wir die Artikel 115a ff. des Grundgesetzes.

Gelesen 390 mal Letzte Änderung am Freitag, 23 Dezember 2016 16:32

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