Donnerstag, 04 Mai 2017 10:39

Wieso sich der Blick 20 Jahre in die Vergangenheit lohnt.

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Tagesschau von vor 20 Jahren Tagesschau von vor 20 Jahren ARD, Tagesschau.de

Nach wie vor ist die Tagesschau die seriöseste und größte Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen. Nicht ganz so viel genutzt wie das Angebot der täglichen Nachrichten ist wohl das Archiv der „Tagesschau von vor 20 Jahren“. Schade! Wer hier hin und wieder eine viertel Stunde investiert, versteht die Welt ein Stück mehr.

Seien wir mal ehrlich: Die Welt ist aus den Fugen geraten. Das Gefühl haben wir doch alle – mal mehr mal weniger. So richtig erklären können wir uns das eventuell manchmal gar nicht. Viele Dinge sind anders geworden, insbesondere in der Darstellung der Medien. Viele nie dagewesene Konflikte bedrohen die Welt. Oder erleben wir doch einiges nicht zum ersten Mal?

Gedächtnisverlust lässt die Welt verrückt erscheinen

Wir leiden hier im Westen an Gedächtnisverlust und können daher viele Geschehnisse heute nicht mehr in einen Zusammenhang bringen, mit Auslösern, die eventuell 20 Jahre zurückliegen. Die CIA verwendet hierfür den Begriff „Blow Back“. Als Terroristen am 11.September 2001 die USA feige und in nie dagewesener Größe angriffen, stellte die amerikanische Öffentlichkeit die Frage: „Warum hassen sie uns?“. Nichts auf der Welt kann diese Anschläge rechtfertigen. Aber man kann verstehen, woher der Hass kommt, wenn man in die Geschichte blickt. Ganz ähnlich ist das mit den Konflikten heute übrigens auch. Viele Dinge, die heute passieren sind keine Resultate von Verrücktheiten und unverständlichen Zufällen, sondern das Resultat der Geschichte.

Tagesschau von vor 20 Jahren: Kontext für Nachrichten

Ich für meinen Teil habe ein Gegenmittel gefunden. Anstatt zweimal täglich Nachrichten zu schauen und Zeit auf Seiten wie SPIEGEL ONLINE zu verbringen, auf denen man tatsächlich kaum ordentliche Informationen erhält, schaue ich die Tagesschau von heute um 20:00 und die von vor 20 Jahren. Dieses Angebot der Tagesschau sei jedem wärmstens empfohlen. Das ersetzt natürlich nicht das Lesen einer Wochenzeitung usw., aber es setzt die Nachrichten, die wir sehen in einen Kontext, etwas, das uns heute sträflich fehlt.

Auffällig, wie anders unsere Gesellschaft vor 20 Jahren war. Eine Stichprobe.

Für diesen Artikel habe ich zufällig einige Sendungen aus dem April von vor 20 Jahren ausgewählt. Bis auf das Design des Studios, so scheint es mir, hat sich an den Nachrichtenthemen nichts verändert. Gegen Benjamin Netanjahu wurde damals schon wegen Korruption ermittelt (erst vor kurzem wieder geschehen), in Afrika toben Bürgerkriege und die Welt ist in Auffuhr.

Auffällig ist jedoch, wie sich die Berichterstattung und die Debatte scheinbar geändert hat. Die FDP hatte damals offensichtlich noch ordentliche Themen, wie den Kampf gegen die legale Vergewaltigung in der Ehe, man beschäftigte sich konstruktiv mit dem Weiterkommen der Gesellschaft. Ein deutlich vorwärts gewandteres, offeneres Klima, indem konservativ sein ebenso wenig oder viel verpönt war, wie liberal, links oder sonst etwas. Es gab Platz für Inhalte.

Wo ist die Qualität der Berichterstattung geblieben?

Wir alle kennen diesen Satz zu Bürgerkriegsmeldungen in Syrien: „Diese Informationen stammen von der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte und lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Sie haben sich in der Vergangenheit jedoch als zuverlässig erwiesen“. Ich muss immer schmunzelnd den Kopf schütteln, wenn ich das höre. Wenn etwas nicht überprüfbar ist, kann man auch nicht wissen, ob es zuverlässig ist. Aber es ist ja so viel einfacher keine eigenen Informationen einzuholen. Ist ja aber auch gefährlich, da wäre nie jemand hin? Ein Blick in das folgende Video ab Minute 07:00 ist wirklich einen Blick wert. Während im Hintergrund Schüsse fallen, berichtet der Journalist von der Situation in dem Bürgerkriegsland. In der Tagesschau. Nur eben von vor 20 Jahren.

 

6,3 Milliarden Euro hat die ARD heute jedes Jahr zur Verfügung und ist damit der größte nicht-kommerzielle Anbieter weltweit. Durch das absurde Modell der Geräte- und Personenunabhängigen Haushaltserhebung wurden Milliarden zusätzliche Euro in die Kassen der öffentlich-rechtlichen Sender gespült. Wieso gibt es dann keine Reporter mehr in Krisengebieten? Wie kann man sich über mangelndes Verständnis der Bevölkerung über Flüchtlinge und die komplizierte Weltlage beschweren, wenn man nichts davon vermittelt. Stattdessen muss für alles im nahen Osten der Korrespondent in Kairo herhalten. Berichterstattung von vor Ort gibt es de facto kaum noch.

Für meine Begriffe ist das ein gravierender Fehler, der auch die Glaubwürdigkeit der Medien immer weiter beschädigen könnte. Es fehlt an der Authentizität der Nachrichten und Einordnungen.

Deswegen: Lesezeichen für Tagesschau von vor 20 Jahren

Wer etwas dagegen tun will, der kann hier die Seite der Tagesschau von vor 20 Jahren besuchen:

https://www.tagesschau.de/inland/tsvorzwanzigjahren100.html

Mit STR+D können Sie ein Lesezeichen erstellen oder die Seite Ihrer Schnellwahl und dergleichen hinzufügen. Probieren Sie es eine Woche aus: 1x täglich die Tagesschau von vor 20 Jahren. Wenn Sie nach dieser Woche nicht mit einem anderen Gefühl Nachrichten gucken, würde mich das sehr wundern.

 

 

 

 

Gelesen 549 mal Letzte Änderung am Donnerstag, 04 Mai 2017 10:58
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