Donnerstag, 15 Dezember 2016 18:19

Leben wir in einer "postfaktischen" Welt?

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Leben wir in einer postfaktischen Welt? Nein, so glaubt zumindest unser Autor und führt aus, wieso die Schöpfung des Begriffes und seine breite Verwendung den Kern des gesellschaftlichen Problems aufzeigt und mit ihm ein eklatantes Versagen der Politik.

Es ist Montag, 23:15 am späten Abend und auf RTL läuft eine Sendung aus den neunziger Jahren: „Der heiße Stuhl“. Thilo Sarrazin soll an diesem Abend „gegrillt“ werden. Nicht wie Henssler, weniger Entertainment, mehr Politik und mindestens 300% weniger Egomanie des Protagonisten. Sarrazin führt gerade eine These über die Kriminalitätsrate muslimischer Ausländer aus, als ihm Kai Gehring von den „Grünen“ (die Anführungszeichen, weil sie dazu neigen schwarz zu werden, wenn man sie wählt) ins Wort fällt und ihm attestiert, dass er ein „postfaktischer Angstmacher“ sei.

Da war es nun wieder. Das Wort „postfaktisch“. Wie so oft in diesen Monaten habe ich das Gefühl, dass sich ein Wort gebildet hat, das von allen im Bundestag vertretenen Parteien benutzt wird, weil es schneidig ist und Argumente so wunderbar abprallen lässt.

Ursprung des Wortes "postfaktisch"

 

Trump

Wie dem geneigten Leser bereits aufgefallen sein mag, bereitet mir dieses Wort - oder vielmehr der Kontext seiner ständigen Anwendung- Unbehagen. Den Ursprung seiner aktuellen Beliebtheit hat die Wortschöpfung „postfaktisch“ wohl im Wahlkampf und dem späteren Wahlerfolg des amerikanischen „president-elect“ Donald J. Trump.

Trump hat im Laufe des Wahlkampfes viel gelogen. Aber wieso schockiert das jemanden? Politiker, die ihre Wahlversprechen zu großen Teilen erfüllen, würden wir in Europa (genauso wie in den USA) vermutlich aus Sorge um deren geistige Gesundheit in eine Klinik einweisen lassen. Das ist natürlich überspitzt formuliert. Aber wahr ist: Im Wahlkampf wurde immer schon viel gelogen, übertrieben, beschönigt. Zum einen, weil wir Wähler die harte Wahrheit oft nicht hören wollen und unsere Stimme demjenigen schenken, der uns die schönere Geschichte zu erzählen vermag (selbst schuld). Zum anderen aber auch, weil es in der Politik unabdingbar ist, Kompromisse einzugehen und von eigenen Visionen und Ideen abzuweichen.

Was also ist anders? Trump hat nicht nur (vermutlich, es wird sich zeigen) über die Zukunft und das gelogen, was er vorhat und umsetzen will. Er hat auch Fakten dargestellt, die anderen Studien widersprachen oder überhaupt gar nicht erst auf solche gestützt waren.

Hat er deswegen die Wahl gewonnen? Vermutlich nicht. Denn: Die Mehrheit der Amerikaner wusste durchaus, wie Trump zu agieren neigt. Seine Thesen wurden ausreichend von den liberalen Medien zerlegt - und das ist auch gut so. Dennoch heißt der nächste Präsident der USA: Trump.

Worum es wirklich geht: eine These

 

Ich vermute, dass Trump nicht wegen seiner Lügen gewonnen hat. Ich vermute, dass Trump gewonnen hat, obwohl er gelogen hat, dass sich die Balken biegen. Der Grund dafür liegt nur mittelbar in seiner Person. Vielmehr war seine Gegnerin für die meisten Amerikaner unwählbar. Ich vermute, dass Trump es für die zig Millionen Wähler im sog. „rust belt, Rostgürtel“ der USA mit diesem Satz auf den Punkt gebracht hat (sinngemäß zu Clinton im TV-Duell): „Wieso haben Sie all diese Pläne nicht bereits umgesetzt? Sie sind seit Jahren an der Regierung beteiligt, wieso haben Sie das nicht schon längst gemacht?“. Eine Frage, die Clinton nicht auskontern konnte. Wie auch? In Amerika gibt es Millionen abgehängte Bürger, die in den Statistiken immer nur schöne Zahlen lesen. Ihnen geht es aber schlecht. Und daran ändert sich nichts. Seit Jahrzehnten. Daher Trump, das Antiestablishment.

Fakten können schwer begeistern

 

Wieso ich das in diesem Artikel erwähne? Weil es sich vorzüglich auf Deutschland und Europa übertragen lässt. Das große Problem der Politik ist, dass sie den durchschnittlichen Bürger nicht mehr zu überzeugen vermag. Oder noch schlimmer: Sie versucht es erst gar nicht mehr. Wann haben Sie das letzte Mal eine flammende Rede für eine alternative Idee gehört? Wann die letzte wirklich feurige Debatte im Bundestag? Demokratie ist der Wettstreit der Ideen. Doch an den Ideen, den Idealen fehlt es. In der EU ebenso wie in Deutschland.

Politik, das ist heute das versessene Bestehen auf Statistiken. Was die Statistik sagt, stimmt. Talkshows verkommen mehr und mehr zu Zahlenkriegen. Was die Politik nicht begreift oder begreifen will: Mit Zahlen und Statistiken erreicht man die Menschen nicht emotional. Sie sind genau das Gegenteil. Und erst recht kann eine Statistik niemandem die Angst vor etwas nehmen. Hierzu braucht man Ideale, Visionen, Erklärungen, Ideen, Versicherungen.

Doch: Statistiken lassen sich allzu leicht frisieren. Ich behaupte, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland seit der Agenda 2010 kaum entspannt wurde. Die Statistik gibt mir hierfür eine Ohrfeige. Mehr als fünf Millionen Arbeitslose gibt es angeblich weniger. Ich bin also postfaktisch, wenn ich behaupte, dass es in Deutschland ein gravierendes Problem mit prekären Beschäftigungsverhältnissen und Arbeitslosigkeit gibt. Fakt ist jedoch, dass die Maßgaben für die Statistik schöngeschnitten wurden: Arbeitslose, die in einer Umschulung eingeschrieben sind, fallen heraus; Menschen, die so schlecht verdienen, dass sie ergänzend Hart IV beantragen müssen, ebenfalls. Nimmt man das alles zusammen, so kommt man auf genau diese fünf Millionen arbeitslosen Mitbürger, die die Statistik so hübsch aussehen lassen. Das stellte auch jüngst Gregor Gysi im Bundestag fest- keine Reaktion von der Regierungsbank.

Auf Statistiken können, sollen und wollen sich die Menschen also nicht verlassen. Die rechten Parteien unserer Zeit sprechen oft Ängste an, die viele Mitmenschen haben. Das Problem sind deswegen aber nicht die Parteien, die das tun. Erst recht nicht sind es die Menschen, die diese Angst haben. Es sind die Politiker der etablierten Parteien, die nicht in der Lage sind, diese Menschen zu führen, zu verstehen, zu begeistern für eine gemeinsame Welt.

Politik braucht Fakten und Emotionalität

 

Das eigentliche Problem ist also, dass die Politik sich eindeutig zu viel an nüchternen Zahlen orientiert, die mitunter ihrerseits keine ungefilterte Wahrheit vermitteln, sondern geschönt werden. Sie hat so den essentiellen Kontakt zur Bevölkerung verloren, die keine bloße Zahl, sondern ein gigantisches Kollektiv aus Emotionen und Bedürfnissen ist, welches einer Führung bedarf, die sie auch auf eben dieser Ebene wahr- und mitnimmt. Gute Politik muss die Waage zwischen Begeisterungsfähigkeit und nüchterner Vernunft halten - sie darf in keine der beiden Richtungen abrutschen.

Und so ist das Wort „postfaktisch“ die Spitze all dieser Probleme. Denn Emotionalität gehört zur Politik ebenso dazu wie Fakten. So wird wieder ein Weg gesucht und gefunden, das eigentliche Problem zu ignorieren und es mit einem modischen Rundumschlag zur Seite zu wischen.

 

 

Gelesen 717 mal Letzte Änderung am Samstag, 07 Januar 2017 09:53

3 Kommentare

  • Kommentar-Link Quantum Donnerstag, 22 Dezember 2016 20:39 gepostet von Quantum

    Lieber Lukas,

    vielen Dank für diesen tollen Kommentar. Habe mit großem Interesse gelesen!

  • Kommentar-Link Lukas Sonntag, 18 Dezember 2016 13:18 gepostet von Lukas

    Die meisten Menschen (kritische Masse) ist Argumenten durchaus noch zugänglich. Diese Menge wird nur immer kleiner, je länger man sie ignoriert und Emotionen wie Wut und Verzweiflung hochkochen lässt.

  • Kommentar-Link Dominik Freitag, 16 Dezember 2016 18:00 gepostet von Dominik

    Postfaktisch ist die Welt, soweit Leute auf die rein emotionale Seite der Politik abdriften. Ich glaube daher nicht, dass es generell falsch ist, von einer postfaktischen Welt zu sprechen. Es gibt sie im Teilen der Gesellschaft. Richtig ist gleichwohl die Diagnose, dass die "etablierte" Politik Emotionen zu selten anspricht. Die Handlungsmaxime (Fakten+Emotionen) ist daher genau richtig.

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